Das Washington-Post-Experiment und was wir daraus über den Wert von Musik lernen

Er ist unscheinbar gekleidet, drückt sich in einer Ecke der Metro-Station „L’Enfant Plaza“ herum. Es ist 7.51 Uhr, die Rush-Hour in Washington ist in vollem Gange. Zug um Zug fährt in die Station ein und spuckt Menschen aus, die schnellen Schrittes die Halle durchqueren. Die Augen stur geradeaus, den Kopf schon im Büro. Sie sehen nicht, dass der Mann in der Ecke seine Violine fest umklammert hält. Sie sehen nicht, dass es sich um eine exquisite Stradivari handelt, die mehrere Millionen Dollar wert ist. Und noch viel schlimmer: Sie hören nicht, was der unscheinbare Mann in der Ecke spielt. Wie er spielt, mit welcher Hingabe, welchem Können. Sie übersehen und überhören einen der berühmtesten Musiker der Welt: Joshua Bell.

Normalerweise zahlen die Menschen hohe Preise für Eintrittskarten zu seinen Konzerten. Seine Musik ist für sie erhaben, kostbar und voller einzigartiger Momente. Zumindest so lange, wie er sie in einem Konzertsaal oder einem anderen passenden Rahmen präsentiert. In einer U-Bahn-Station nehmen sie ihn erst gar nicht wahr. Traurig, aber wahr. Der Gedanke, der fest in den Köpfen verankert ist, scheint durch das Experiment, das die Washington Post vor einiger Zeit mit Joshua Bell machte, widerlegt: Qualität allein setzt sich eben nicht durch, egal, wann und wo. In 43 Minuten eilten 1070 Menschen an Joshua Bell vorbei und spendeten ihm gerade mal 32,17 Dollar für seine Kunst. Einen Bruchteil dessen, was der Musiker ansonsten bei einem Konzert verdienen würde.

Joshua Bell hat sich für das Experiment der Washington Post zur Verfügung gestellt. Die Autoren der Zeitung wollten wissen, wie die Menschen auf einen Ausnahme-Künstler reagieren, der an einem unerwarteten Ort auftritt – zu einer mehr als unpassenden Zeit. Gelernt haben wir aus dem Experiment vor allen Dingen: Ohne Marketing, ohne Menschen, die den Künstler unterstützen und andere auf die Konzerte aufmerksam machen, geht es nicht. Nur die Musik scheint nicht die Macht zu haben, die Menschen zum Zuhören zu bewegen. Das Umfeld muss stimmen, ebenso wie das Verhalten der anderen Zuhörer. In einem wunderschönen Saal ist klassische Musik ein größeres Erlebnis als in einer Metro-Station. Und wenn dann noch die Begeisterung des Musikers auf die anderen Zuhörer überspringt – dann verspricht es ein gelungenes Konzert zu werden.

Joshua Bell spielte in der Metro-Station Johann Sebastian Bachs ebenso bekannte wie schwierige Chaconne in d-Moll. Hunderte von Passanten, die die Rolltreppe hochfuhren und wie gewohnt den Ausgängen zueilten, nahmen den Violinisten nicht oder nur flüchtig zur Kenntnis. Erst nach drei Minuten klimperten die ersten Münzen in seinem Geigenkasten. Erst nach 43 Minuten wird er erkannt und enttarnt. Hätten die Passanten eine Eintrittskarte zu seinem Konzert gehabt wäre das mit Sicherheit nicht passiert. 32,17 Dollar war den Menschen das Geheim-Konzert wert. Zwei Tage zuvor hatte er eine große Konzerthalle in Boston gefüllt. 100 Dollar kostete ein Sitzplatz.

Auch von den Spenden in der Metro könne man leben, sagte Bell. Ein krasser Unterschied sei für ihn jedoch die Akzeptanz, die ihm als Konzert-Violinist und als Straßenmusiker entgegengebracht wurden. In der Metro-Station habe er erst lange um die Gunst der Zuschauer werben müssen. In seiner Musiker-Wirklichkeit übernehmen das andere für ihn. Und er kann sich auf das konzentrieren, was er am besten kann: musizieren.

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