Nephew – dänische Superstars mit Bodenhaftung

Wir schreiben über Musik und alles, was damit zusammenhängt. Aber: wir arbeiten auch selbst als Verstärker, sind selbst ein Teil des Musikuniversums. Womit wir bei unserer Arbeit zu tun haben oder was wir hören, wenn wir mal nicht arbeiten, wollen wir Euch hier vorstellen.

Ich kann mich noch genau daran erinnern: der Abendhimmel hatte die typische, skandinavische Farbe angenommen, als ich in Roskilde über die Autobahnbrücke eilte. Eigentlich war ich mit einem Freund auf ein Bier verabredet, wurde aber wie magisch von den Klängen angezogen, die von der Orange Stage, der Hauptbühne vom Roskilde-Festival, herüberschallten. Rockige Gitarren, atmosphärische Synthesizer und darüber eine Stimme, die ich bislang nicht zuordnen konnte, aber durch und durch ging. Ich legte einen Zahn zu, steuerte die Rückseite der Bühne an, kletterte hoch – und hatte meinen ersten Gänsehautmoment. Ein Menschenmeer hüpfte zu den Klängen auf und ab, angefeuert vom Sänger, der hypnotisch immer wieder „jump, Roskilde, jump, just jump“ im Takt sang. Überall waren Fahnen zu sehen, die rund 60.000 Menschen, nicht nur in den ersten Reihen, strahlten euphorisch.

Ich hatte schon viele, tolle Konzerte in Roskilde erlebt, aber noch keines mit solch einer friedlichen und vor allen Dingen glücklichen Stimmung. Und dann doch voller Energie – auch wenn der Track nicht gerade einer der Songs von Nephew ist, der nach vorne geht. Sänger Simon Kvamm konnte auch kaum glauben, was sich vor der Bühne abspielte – aber schaut selbst: der Moment wurde von Nephew auf DVD festgehalten.

Wie sich später herausstellte, war dies nicht mein erster Kontakt mit der dänischen Band Nephew, aber der, der mir für immer im Gedächtnis geblieben ist. Sechs Jahre später bin ich noch immer genauso fasziniert von dieser dänischen Rock- und Pop-Band, die in Deutschland leider noch immer keinen Durchbruch erzielen konnte. Obwohl sie mit ihrem Remix zu Polarkreis 18 „Allein, allein“ einiges an Aufmerksamkeit bekommen hat.  Oomph remixten für sie ihre Single „007 Is Also Gonna Die“. Ebenso wuchs ihre Fangemeinde bei ihren Auftritten auf dem Taubertal-Festival und als sie im Dezember 2010 mit Madsen durch Deutschland tourten beträchtlich an. Dennoch – vom Erfolg sind sie hier noch weit entfernt.

In Dänemark ist das alles anders: innerhalb des Landes sorgen sie für Massenaufläufe bei Konzerten und glänzende Augen der Musikmanager. 1996 gegründet, begann 2004 mit dem Erscheinen ihres zweiten Albums „USADSB“ ihr steiler, von zahlreichen Preisen gesäumter Aufstieg. Dabei wollten sie zuvor eigentlich gar nicht mehr im Profigeschäft mitmischen – und spielten einen letzten Auftritt auf dem Taubertal-Festival. Völlig ohne Druck, ohne Erwartungen, nur noch um der Musik willen (und um den Vertrag zu erfüllen). „Das hat uns so viel Spaß gemacht, dass wir uns überlegten, ob wir nicht besser genauso weitermachen. Ohne Karrierepläne, nur um der Musik willen“, sagt Sänger Simon Kvamm. „Die Songs, die dann ohne Druck entstanden, waren originaler, mehr wie wir wirklich sind. Sie hatten das Zeug, die Etablierten zu ärgern. Und plötzlich war sie da, die Karriere“, ergänzt Keyboarder René Thalund.

Nephew setzten sich selbst nicht mehr unter Druck. Und plötzlich stellte sich der Erfolg ein. Foto: Nephew

International bekannte Musiker, wie Timbaland, klopften plötzlich bei Nephew an, wollten einen ihrer ungewöhnlichen Remixe haben. „Timbaland war für die MTV Europe Music Awards Show in Kopenhagen. Er sah uns im Hotelzimmer im Fernsehen und suchte später den Kontakt. So remixten wir „The way I are“ seines ersten „Shock Value“ Albums”, erzählt Thalund.

Vielleicht lag es daran, dass Nephew plötzlich locker ließen, bevor sich plötzlich der Erfolg einstellte. Vielleicht aber auch daran, dass sie ein gutes Team um sich hatten und sich seit ihrer Gründung 1996 ein solides Fundament erarbeitet hatten. Außerdem servierten sie den Fans, als Vorbereitung auf ihre neusten Veröffentlichungen, immer wieder Einblicke in die Produktion. So erscheint im Jahr 2007 das Buch “Familie Inc” – das Nephews Aufstieg aber auch die persönliche Seite der fünf Musiker zeigt. Wie sind sie aufgewachsen, was für Menschen sind sie? Eine DVD-Dokumentation, die zwei Live-Stücke, eine Reportage über die Entstehung ihres Songs T-Kryds und eine Reportage über ihren ausverkauften Auftritt in den KB-Hallen in Kopenhagen zeigt, liegt dem Buch bei.
Diesen öffentlichen Weg behalten sie auch später bei: bei Aufnahmen zu ihrem Album DanmarkDenmark zeigen sie sich im Studio, lassen sich über die Schulter schauen, wie die Instrumentalversion des Tracks „Focus on the sound“ entsteht.

Erst viel später feierte der fertige Clip dazu Premiere:

Das Album DanmarkDenmark wurde ein großer Erfolg für das charismatischen Quintett. Auch wirtschaftlich schaffte es die Band: sie schlossen dank ihrer Management-Firma Volcano, die zu einem Teil Nephew-Gitarrist Kristian Riis gehört, Partnerschaftsverträge mit Audi und DSB Wildcard ab. So stellen sie sicher, dass sie in Zeiten von rückläufigen Einnahmen bei den Plattenverkäufen, immer noch wirtschaftlich gut aufgestellt sind.

2012 war ein gutes Jahr für Nephew – sie brachten mit Hjertestarter ein weiteres gutes Album heraus, das die Charts in Dänemark stürmte. Ihre Tour, die sich über drei Monate im Jahr 2013 hinzieht, war zwei Stunden nach Bekanntgabe komplett ausverkauft. Und auch hier wagt die Band ein Experiment: Sie spielen 26 Konzerte in kleinen Locations, die höchstens 200 Menschen fassen.

Im Vorfeld begleitete der Online-Musikkanal Copenhagen Beta Nephew auf Schritt und Tritt. Bei Aufnahmen zum Track Fem Rum im Studio, aber auch beim Videodreh zu ihrer ersten Single-Auskopplung. Leider sind die Interviews nur auf Dänisch, aber die Bilder sagen auch viel darüber aus, wie, wo und unter welchen Voraussetzungen der Clip entstanden ist.

Um 2013 zu einem überaus erfolgreichen Jahr für Nephew werden zu lassen, fehlt eigentlich nur noch der Erfolg über die Landesgrenzen hinaus. Aber: Fehlanzeige. Derzeit haben Nephew keinerlei Ambitionen im Ausland zu spielen. Alle Stücke ihres neuen Albums “Hjertestarter” sind auf Dänisch, während sich die Vorgängeralben immer durch einen englisch-dänischen Sprachmix auszeichneten.

Pläne das Ausland zu erobern hatten Nephew früher durchaus. So sagt Keyboarder René Thalund 2010 in einem Interview: „Wir arbeiten dran. Musikalische Kultur inspiriert Europa! Nationen wie Großbritannien, Deutschland oder Schweden sind heiß auf Musikexporte. Wir könnten sicher mehr im Ausland spielen, aber wir sind eben nur aus Dänemark und müssen gegen Vorurteile kämpfen.” Haben sie ihre Pläne insbesondere in Deutschland bekannter zu werden komplett begraben? “Vielleicht beim nächsten Album”, sagt Gitarrist Kristian Riis. Jetzt erstmal fokusiert sich Nephew auf die 26 intimen Konzerte und die Sommerfestivals im Inland. Termine für weitere Konzerte sollen ebenfalls bald bekannt gegeben werden.

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