Festivals haben ein Müllproblem – an dem sie gemeinsam arbeiten

Das St. Gallen Open Air, mitten in einem Naturschutzgebiet, kämpft gegen schlechte Presse und den Müll. Foto: Screenshot

Das St. Gallen Open Air, mitten in einem Naturschutzgebiet, kämpft gegen schlechte Presse und den Müll. Foto: Screenshot

Der Montagmittag danach, die letzten Festivalbesucher haben den Zeltplatz verlassen. Ihr Müll ist jedoch geblieben. Verpackungen, leere Getränkebehälter – und noch viel schlimmer: jede Menge Zelte und andere Campingausrüstung wurden von ihren Besitzern zurückgelassen. Die Festivals haben ein Müllproblem – und auf der Green Events Europe und auf der Eurosonic Noorderslag besprechen sie, wie sie dieses Problem in den Griff bekommen wollen. Und zwar ohne den Festivalspirit – nämlich den, der totalen Freiheit – zu vernichten.

„Wir beschäftigen uns schon lange mit diesem Thema und werden es wahrscheinlich noch viele weitere Jahre müssen“, sagt Holger-Jan Schmidt. Der Organisator der Konferenz in Bonn hat selbst Ideen entwickelt, wie Festivals kooperieren können, um gemeinsam den Müll – und vor allen Dingen den Berg der zurückgelassenen Zelte – reduzieren können. Aber zuerst lässt er einer Frau den Vortritt. Michaela Tanner vom Open Air St. Gallen stellt das schweizerische Müllproblem und ihre Lösungsvorschläge vor.

Das Open Air in St. Gallen liegt mitten in einem Naturschutzgebiet, weswegen die Auflagen noch höher sind, als bei einigen anderen Festivals. „Das Festival war schon dort, bevor das Gebiet zum Naturschutzgebiet ausgerufen wurde, deswegen dürfen wir bleiben“, sagt Tanner. Eine schwierige Aufgabe für das Festival, reagieren die Medien hier doch extra sensibel auf die Müllberge, die bei jedem Festival entstehen.

80 Prozent der 30.000 Festivalgäste übernachten auf dem Gelände. Ein Limit, was Konstruktionen und Pavillions angeht, hat das Festival nicht. Jeder darf seine Zeltstadt so bauen, wie er das gerne möchte. Das Problem: immer mehr Leute kaufen billige Zelte, die es schon für zehn Euro im Supermarkt gibt und lassen diese dann einfach nach dem Festival zurück – genau wie Teile der restlichen Konstruktionen. Deswegen hat das OA St. Gallen im Sommer 2013 eine Kampagne gestartet: Für jedes komplette Zelt, das Besucher nicht mehr nach Hause schleppen wollen und beim Verlassen des Geländes abgeben, haben sie zehn Schweizer Franken bekommen, die Zelte sollten gewaschen und dann für einen guten Zweck gestiftet werden.

So richtig erfolgreich war das Projekt nicht: Zwar haben die Besucher 400 Zelte zurückgegeben, jedoch konnten nur 150 davon gespendet werden. 250 Zelte waren nämlich auf den zweiten Blick doch nicht komplett oder konnten nicht genügend gereinigt werden. „Dazu muss man wissen, dass wir mit extremen Wetterbedingungen zu kämpfen hatten. Es hat geregnet und wir hatten extrem viel Schlamm auf dem Gelände“, sagt Tanner. Besonders blöd: Die Presse machte Bilder vom Gelände vor den Aufräumarbeiten und titelte, dass das Festival ein Müllproblem habe.

Für das Open Air 2014 haben die Veranstalter bereits jetzt einige Ideen gesammelt, wie sie dem Müll und dem Zurücklassen der Zelte Herr werden können. „Jeder Zeltbesitzer muss auch ein Ticket für sein Zelt vorweisen können“, sagt Tanner. Dieses Ticket kostet 17 Schweizer Franken, die jedoch zurückgezahlt werden, wenn das Zelt beim Verlassen des Geländes vorgezeigt wird. Außerdem wird ein Teil des OA-Teams den Besuchern beim Packen helfen – gemeinsam soll so eine Menge Müll vermieden werden.

Mit dem Müllproblem ist das St. Gallen OA nicht alleine: jedes Festival, das auch einen Zeltplatz hat, kennt das Problem: zurückgelassene Zelte, Campingstühle, Konservendosen und Getränkebehälter türmen sich zu einem riesigen Müllberg auf. Das Roskilde-Festival sammelte im Jahr 2012 beispielsweise 1850 Tonnen Müll – von 120000 Besuchern, die acht Tage lang zelten. Dazu kommen nochmal 35.000 freiwillige Helfer, die nicht nur Müll wegräumen, sondern ihn auch mitproduzieren. Bis das Gelände wieder in seinem ursprünglichen Zustand ist, dauert es rund zwei Monate. Ungefähr 800.000 Euro wendet das Festival für die Müllentsorgung auf. Rund 1000 freiwillige Helfer beschäftigen sich mit dem Thema Müll.

Auf dem Festivalgelände hat Roskilde im Jahr 2013 einen Versuch gestartet: in einem bestimmten Bereich, rund um eine der Bühne, sollen die Besucher ihren Müll selbst sortieren. Wie dieser Versuch ausgegangen ist, wird derzeit noch ausgewertet. Fest steht jedoch, dass das Festival immer weiter versuchen wird, die Müllberge und die Umweltbelastung zu reduzieren. Besonders viel Müll entsteht meistens auf dem Campinggelände. Und nicht nur in Roskilde.

Insbesondere Zelte werden auf allen Festivals oft zurückgelassen, deswegen haben sich mehrere Veranstalter zu der Kampagne „Love your tent“ zusammengeschlossen. Auf dem Campinggelände können sich die Besucher das LYT-Logo und das Festival-Logo aufs Zelt sprühen lassen – so werden die Zelte zu einem Sammelobjekt und wertvoller für die Besucher.

So sollte es an einem Festival-Montag-Morgen auf dem Zeltplatz aussehen. Foto: LYT

So sollte es an einem Festival-Montag-Morgen auf dem Zeltplatz aussehen. Foto: LYT

Eine schöne Inititative, die Holger-Jan Schmidt jedoch noch nicht weit genug geht. „Wir müssen uns zusammenschließen und nehmen so den Druck von den einzelnen Festivals“, sagt Schmidt. Zuerst müsse das Team herausfinden, welche Hilfe die Festivals konkret brauchen. „Dazu befragen wir die Veranstalter – denn die Organisatoren kennen die Gäste und die Gegegebenheiten am Besten.“ Geplant ist auch nicht nur die Veranstalter, sondern auch Künstler und Organisationen mit ins Boot zu holen – um gemeinsam gegen die Müllberge auf Festivals vorzugehen.

Dazu bedarf es auch Hilfe von zwei weiteren Seiten, die auf der Green Events Europe Konferenz besprochen wurden: zum einen von der Zeltindustrie und zum anderen auch von den Festivalbesuchern selbst. Doch wie erreicht man diese? „Bestimmt nicht dadurch, dass man noch mehr regeln aufstellt und Ihnen den Spaß verdirbt. Und es macht auch keinen Sinn, sich über den negativen Status Quo zu beschweren“, sagt Sozialpsychologe Roland Imhoff. So sollen sich die Festivals nicht darüber beschweren, dass 25 Prozent der Besucher ihre Zelte zurücklassen, sondern positiv rausstellen, dass 75 Prozent ihren Kram wieder mit nach Hause schleppen.

Einen weiteren, einfachen Rat hat der Kölner Juniorprofessor für die Festivals: „Wenn Ihr wollt, dass Euer Gelände sauber bleibt, dann haltet es von Anfang an sauber.“ In einer sauberen Umgebung sei die Hemmschwelle, Müll einfach auf den Boden zu werfen, viel höher, als bei einer bereits verdreckten Umgebung.

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