Wie schafft es meine Band auf ein internationales Festival?

Roskilde Festival, Pavillion Junior, kurz vor 22 Uhr. Dicht gedrängt stehen die Zuschauer im Zelt und auch noch um das Zelt herum. Applaus und Jubel branden auf – alle sind gespannt auf den ersten Roskilde-Auftritt von „Baby In Vain“, auf die 17- bis 19-jährigen Mädels, die waschechten 90’s Stoner Rock und Grunge spielen. Benedicte, Lola und Andrea atmen noch einmal tief durch, dann schnappen sie sich ihre Instrumente und entern die Bühne.

Doch kurz danach kommt der Schock – eine Gitarre fällt aus, die Show muss gestoppt werden. Das Publikum schaut sich fragend um, doch kurz darauf jubeln sie wieder und feuern die Mädels auf der Bühne an. „In diesem Moment wussten wir, dass nichts mehr schief gehen kann und die Show ein Erfolg wird“, sagen die drei Musikerinnen kurz nach ihrem Auftritt.

Sie sitzen mit ein paar internationalen Journalisten bei einem „Meet & Greet“ zusammen, erzählen über ihre Karriere und davon, dass es immer ihr größter Traum war, einmal auf dem Roskilde-Festival auftreten zu dürfen. „Das hat sich nun erfüllt – nun haben wir erstmal keine größeren Ziele mehr“, scherzen sie. Aber ein Journalist gibt zu bedenken, dass es ja vielleicht doch noch ein weiteres Ziel gäbe: einmal auf der Orange-Stage, der größten Bühne des Festivals zu spielen und nicht „nur“ im Vorprogramm des Festivals.

Anders Wahren ist hauptberuflicher Booker des Roskilde-Festivals.

Anders Wahren ist hauptberuflicher Booker des Roskilde-Festivals.

Das was Benedicte, Lola und Andrea in diesem Jahr erleben durften, davon träumen viele Musiker in und auch außerhalb Dänemarks. Doch wie schafft es die eigene Band ins Line-Up eines großen Festivals? Wer sucht die Acts aus und wie kann man auf sich aufmerksam machen? WeCab sprach mit Anders Wahren (31), einem der sieben Booker, die für das musikalische Bühnenprogramm von einem der größten europäischen Festivals zuständig sind.

Anders, wie wird man eigentlich Booker von einem der größten Festivals in Europa?

Ich bin in Roskilde geboren und aufgewachsen, deswegen habe ich 1996, als ich 13 war, zum ersten Mal das Festival besucht– und seitdem habe ich kein Jahr ausgelassen. Im Jahr 2011 habe ich zum ersten Mal als Ehrenamtler gearbeitet, als Stage-Hand auf einer der kleineren Bühnen und seitdem habe ich mich immer tiefer ins System reingearbeitet, mit einem Job in einer Konzertvenue in Roskilde (wo ich unter anderem für die Produktion und das Booking zuständig war) und einem Job bei Live-Nation, den ich 3,5 Jahre lang gemacht habe, wo ich als Booking-Agent gearbeitet habe. Seit 2011 bin ich wieder zurück in Roskilde.

Wie informierst Du Dich über die besten und heißesten Acts?

Das ist eine Mischung aus den verschiedensten Dingen. Natürlich halten wir uns durch Blogs, Magazine, Webseiten, Zeitungen, Radio und TV auf dem Laufenden, wie es jeder Musikliebhaber tut, aber wir sieben haben auch ein gigantisches Netzwerk mit den verschiedensten Menschen, die jedes Subgenre repräsentieren, das für uns interessant sein könnte. Also hören wir oft auch auf Menschen um uns herum, von denen wir durch jahrelange Erfahrung wissen, dass wir ihnen vertrauen können. Und natürlich besuchen wir eine Menge Konzerte, Festivals und Showcase-Festivals um einen eigenen Eindruck von den vielen neuen Acts zu bekommen.

Wie findest Du die Acts für das Festival? Oder finden sie Dich?

Eine ganze Menge der Künstler werden uns von Booking-Agents angeboten, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten – neue Künstler werden heutzutage immer früher durch Managements und Booking-Agents vertreten, deswegen ist es sehr selten, dass wir rausgehen und Acts aufstöbern.

Auf der Apollo-Stage bekommen junge Künstler eine Chance, sich in Roskilde zu beweisen - wie hier Elliphant aus Schweden. Foto: Esther Mai

Auf der Apollo-Stage bekommen junge Künstler eine Chance, sich in Roskilde zu beweisen – wie hier Elliphant aus Schweden. Foto: Esther Mai

Können sich Bands beim Roskilde-Festival bewerben und wie große ist die Chance, dass sie dann auch genommen werden?

Natürlich können sich sie bewerben. Wir haben zwei Bühnen (Pavilion Junior and Apollo Countdown) für aufstrebende Künstler, deswegen gibt es eine kleine Chance, dass auch ganz neue Bands gebucht werden. Wenn Du jedoch denkst, dass es reicht, einfach eine CD in einen Briefumschlag zu stecken, dann wirst Du enttäuscht werden.

Viele Bands träumen davon, einmal in Roskilde auf der Bühne zu stehen – wie können sie ihr Ziel erreichen?

Es gibt so viele Wege, die zu den großen Bühnen und zur Chartsspitze hinführen, aber alle beginnen mit guter Musik, mit der sich die Menschen identifizieren können – und damit, dass diese Musik auch zu diesen Menschen kommt. Wenn genug Menschen Deine Musik mögen – oder weniger, jedoch sehr enthusiastische Menschen – dann stehen die Chancen gut, dass wir oder andere Promoter dies mitbekommen und über die Band Bescheid wissen. Wenn wir dann noch sehen, dass Ihr eine gute Show abliefern könnt, dann seid ihr auf dem richtigen Weg.

Große Headliner-Acts zu buchen, wie beispielsweise Metallica, wird auch für Roskilde immer schwieriger. Foto: Esther Mai

Große Headliner-Acts zu buchen, wie beispielsweise Metallica, wird auch für Roskilde immer schwieriger. Foto: Esther Mai

Was hat sich im Laufe der letzten Jahre beim Booking verändert? Ist es schwieriger gute Acts zu finden und zu buchen als früher?

Es sind derzeit mehr gute Bands auf dem Markt als früher und jede Band spielt mehr Live, weil sie sehr von den Live-Einnahmen abhängig sind. Wenn Du also mit „gute Acts“ auf die Qualität der Musik abzielst, dann ist es nicht schwieriger als früher gute Bands zu buchen. Wenn Du jedoch die großen Headliner meinst, dann ist es in der Tat schwieriger geworden. Viele von ihnen entscheiden sich ihre eigenen großen Shows zu spielen, um ihre Einnahmen zu maximieren. Und manchmal kann genau das zu einem Mangel an großen Headliner für die Festivals führen. Aber das ist eine Herausforderung, die wir annehmen und ich denke, dass wir bislang bewiesen haben, dass wir zurecht kommen.

Was meinst Du, hat sich die Lücke zwischen Acts, die richtig viel Geld mit Live-Konzerten verdienen und denen, die es nicht so gut antreffen, verbreitert?

Nicht unbedingt. Ich denke, dass die Lücke schon immer sehr groß war, aber die Mischung der verschiedenen Einkommensströme für Künstler hat eine Menge verändert. Aber es ist immer noch nur ein ganz kleiner Prozentsatz an Künstlern, der durch Musik reich wird.

Was machst Du in Deinem Hauptberuf?

Für mich ist das Festival mein Hauptberuf geworden, ich kümmere mich um Managementaufgaben und um das Booking. Aber drei von uns sieben sind tatsächlich nur Ehrenamtler, die noch einen „richtigen“ Job haben. Wir vier, die vom Festival fest angestellt sind, haben aber übers Jahr noch andere Projekte, an denen wir arbeiten.

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